Pfingsten 2018. Mal schauen wie ich dieses Wochenende in Worte fassen kann.

Wenn man sich in Deutschland mit Ultralaufen beschäftigt stolpert man irgendwann über den fasziniert klingenden Namen „TorTour de Ruhr“. Schon 2016 bei der letzten TTdR quollen in Facebook die entsprechenden Laufgruppen über mit Berichten und Fotos zu diesem Lauf.

Was hat es damit auf sich, dass die Ultraläufergemeinde so euphorisch von einem Lauf berichtet der seine kleinste Distanz über 100km „Bambinilauf“ nennt; Wo der VP 42km vor dem Ziel „Nur noch ein Marathon“ heißt; Der fast nur aus asphaltierter Strecke besteht; Öfters an viel befahrenden Bundesstraßen oder gar Autobahnen entlang läuft; Der sich zwar durch renaturalisierte Natur, aber gerade in der zweiten Hälfte, wenig attraktiver Umgebung bis nach Duisburg zieht; Der zwanghaft eine Support-Crew für die Läufer vorschreibt???


Ich wollte und sollte es kennen lernen!


Die TorTour de Ruhr war auch mein erster Lauf zu einem Spendenprojekt das ich vor wenigen Monaten ins Leben rief. Ich laufe in diesem Jahr, sofern es die Gesundheit zulässt, 4 lange Ultraläufe und die TTdR war der Erste davon. Es werden folgen der Kölnpfad, der Berliner Mauerweglauf und als Abschluss der UTMB rund um den Mont Blanc. Die Spenden die ich bei diesem Projekt sammeln werde gehen komplett an das Kinderhaus Nesthäkchen in 65321 Laufenselden. Nähere Infos zu diesem Projekt gibt es unter: http://laufen-spenden-helfen.de/

Als Support-Crew bei der TTdR diente mir meine Frau und zusammen ging es am Pfingstfreitag nach Winterberg ins Hochsauerland wo Samstag morgens um 8 Uhr der Start zum 230km langen Ultramarathon von der Ruhrquelle bis zur Mündung in den Rhein bei Duisburg stattfinden sollte. Nachdem wir meine Startunterlagen abholten und uns schon mal die Ruhrquelle anschauten ging es hoch auf den Kahlen Asten wo wir ein Zimmer im Berghotel hatten. Natur pur und sehr abgeschieden da oben auf dem Berg. Ideal wenn man vorhat, anschließend das gesamte Ruhrgebiet zu Fuß zu queren.

Samstag morgens fuhren wir dann zur Ruhrquelle wo es schnell recht kuschelig wurde bei so vielen Läufern, Supportern, Helfern und Schaulustigen. Um 8 Uhr setzten wir uns in Bewegung und zügig ging es bergab immer entlang der 3 Schluck Wasser die dort ihren Weg durch die Wiesen ins Tal suchten. Einen Tag später sollte aus diesen paar Tropfen ein stattlicher Fluss werden.

 Roxy wartete dann das erste mal auf mich nach 15km wo es aber schon nach einem Schluck Wasser zügig weiter ging. Dasselbe wiederholten wir dann bei km22 bevor es dann in Bestwig nach 30km den ersten großen Verpflegungspunkt gab. Insgesamt hatten wir uns, zusammen mit den Verpflegungspunkten des Veranstalters, insgesamt 26 Treffpunkte ausgemacht, wo Roxy mit dem Auto wartete und mich versorgen konnte. So konnte ich mich einfach nur aufs Laufen konzentrieren und ohne den, bei diesen langen Distanzen eigentlich immer mitgeführten, Laufrucksack durchlaufen. Die TorTour ist nicht nur für die Läufer eine wahre Tortur, sondern auch für die Crew. Egal ob auf dem Begleitfahrrad, mit dem Auto oder abwechselnd als Begleitläufer; Die Crew muss die Launen des Läufers ertragen, die durch den Laufstress irgendwann nicht immer fair ist, muss vorausdenken was der Läufer gleich benötigen wird, muss vorfahren und Parkplätze suchen, zusammenpacken und weiterfahren, und muss mit dem selben Schlafdefizit wie der Läufer auskommen. Aber so etwas schweißt auch zusammen, und das ist es auch eigentlich was die TTdR ausmacht und was so einzigartig ist. Es sind eben nicht nur die 250 Läufer, die sich auf den 3 Distanzen in Richtung Rheinorange an der Ruhrmündung machen. Es ist eine Familie mit ca 800 verrückten Mitgliedern die sich laufend, auf dem Fahrrad oder mit dem Auto wie ein Bandwurm entlang der Ruhr schlängelt, wo an den VPs die zahlreichen freiwilligen Helfer den Läufern und Crewmitgliedern jeden Wunsch von den Lippen abliest, wo JEDER auf den anderen aufpasst, wo man als Läufer von JEDER anderen Crew beklatscht wird und Autos mit TTdR Aufklebern einen freudig behupen, wenn man an einer trostlosen Bundesstraße entlangläuft. Genau das macht die TTdR so einzigartig!

Nach ca. 60km merkte ich, dass sich wieder mal Blasen vorne an den Zehen bildeten. Keine Ahnung warum die sich ausgerechnet hier bei diesem Lauf wieder bildeten. Dieselben Schuhe, dieselben Socken hatte ich ausgiebig bei mehreren 60-80km Trainingsläufen mit wesentlich mehr Gefällstrecken getestet und nie Probleme gehabt. So musste ich dann wieder mal die Zehen mit Compeedpflaster abtapen und den Rest dann mit den Blasen weiterlaufen. Waren ja nur noch 170km.

Nach 100km die erste Euphorie. Nach ziemlich genau 11 Stunden lief ich den hundersten Kilometer. So schnell war ich noch nie auf der Distanz, bin aber auch noch nie 100 Kilometer auf gerader geteerter Strecke gelaufen. Bisher ging es bei diesen langen Distanzen immer über irgendwelche „-Steige/-Stiege“ oder durch alpines Gelände was man mit dem Lauf entlang der Ruhr überhaupt nicht vergleichen kann.

Irgendwann nach ca. 120km kam die Nacht und damit auch die Kälte. Es war wirklich kalt aber der erschöpfte Körper empfindet es noch viel kälter. Kurz vor 1 Uhr erreichte ich dann nach 133km den Verpflegungspunkt in Hagen wo ich mich ne knappe Stunde aufhielt und erholte. Mit, nicht wirklich, neuer Kraft ging es dann um 2 Uhr wieder in die Kälte und im langsamen Laufschritt weiter über Witten nach Hattingen. Die Stunde in der Morgendämmerung war schlimm, es fielen mir ständig die Augen zu und ich sah Dinge die gar nicht existierten. Wenn man auf absolut gerader Teerdecke über imaginäre Steine stolpert wird es dringend Zeit für starken Kaffee den ich auch dann um 8 Uhr am Verpflegungspunkt in Bochum bekam. Ich war nun 24 Stunden am Laufen, hatte 174km in den Beinen und nur noch 56km vor  mir. Eigentlich eine Aufgabe von 5-6 Stunden solche 56km, aber es sollten dann doch 11 werden.

Als dann nach 188km der VP mit dem schönen Namen „Nur noch ein Marathon“ erschien waren auch meine letzten Laufschritte gehalten. Jeder erneute Versuch in den Laufschritt zurückzukehren endete nach höchstens 10 Meter in irgend etwas, nur keinem Laufen mehr. Also wurde Marschbefehl gegeben und die letzten 42km wurden eben abmarschiert. Das geht eigentlich immer und kann man lange durchhalten wenn der Körper nicht mehr laufen mag. Auch die Abstände wo ich mich mit meiner Frau traf wurden kürzer. Waren es Anfangs noch 10 oder 12km, trafen wir uns nun alle 5-6km und ich konnte immer eine kurze Rast einlegen.


Irgendwann kam dann der letzte Treffpunkt, wo ich mich von Roxy verabschiedete mit den Worten: „Wir sehn uns gleich im Ziel“. Gänsehautmoment 1!

Kurz darauf stand ich oben auf dem Ruhrdeich und es ging am Hafen entlang und über die letzte Ruhrschleuse. Dann kam das in den Boden eingelassene Kupferschild „Rheinorange 1800m“. Gänsehautmoment 2 und erste Hochwassermeldungen wegen Schleusenöffnung 🙂 .

Jeder, wirklich jeder der nun auf dem Deich unterwegs war und mir entgegen kam gratulierte mir bereits. Eine Wahnsinnsstimmung doch ich konnte die Kudos gar nicht zurück geben, denn ich bekam kein Wort mehr heraus.

100 Meter vor dem Rheinorange wartete dann meine Frau und wir gingen gemeinsam die letzten Schritte und nach 35h:01m:45s schlug ich nach kurzem Zögern am Rheinorange an der Ruhrmündung an. Da gab es dann keinen Gänsehautmoment mehr, aber die Schleusen öffneten sich und die Ruhr hatte bestimmt Hochwasser als die Anspannung der letzten 2 Tage, und der ausgemergelte Körper sich den Weg durch die Tränendrüsen suchten.

Es bleibt mir jetzt nur Danke zu sagen. Danke an Jens und Ricarda Witzel, die diesen Lauf alle zwei Jahre unglaublich professionell organisieren, durchführen und ganz zu Recht einen Hype geschaffen haben der trotzdem familiär bleibt. Danke an die vielen unzähligen Helfer an den offiziellen Verpflegungspunkten, die einem wirklich jeden Wunsch von den Lippen ablasen und uns Läufer allyoucaneatanddrink bedienten. Die Buffets, die ihr da hingezaubert habt,.waren der Wahnsinn. Genau deshalb lauf ich Ultra. Weil ich gut und gerne essen mag. Danke an die Crews aller Läufer, die einem alle erdenkliche Hilfe anboten. Danke an alle anderen Läufer. Ihr ward keine Laufgegner die um Platzierungen kämpften sondern Mitstreiter und Mitgefangene in diesem Boot in dem wir alle gemeinsam saßen und litten, weinten und lachten.

Sehr sehr großen Dank an alle Spender und Kilometerkäufer die mein Spendenprojekt bisher unterstützt haben. Ich werde noch ein paar Tage brauchen um alles und mich selbst zu ordnen, aber ich nehm euch in die Pflicht.

Den größten Dank aber will ich meiner Frau aussprechen die nicht nur meine ständigen langen Läufe durch die Wälder oder meine Abwesenheit wegen Laufveranstaltungen ertragen muss, sondern mich bei der diesjährigen TorTour auch als meine Crew supportete. Alleine! Mit dem Auto immer voran quer durch Westfalen. Tolle Leistung. Ich weiß wie schwer das war.

Danke, dass ich einfach nur Laufen durfte!

 

 

One Comment, RSS

  • Hermann Fischer

    says on:
    23. Mai 2018 at 08:14

    Superbericht! Du hast meinen vollen Respekt und Hochachtung zu dieser außergewöhnlichen Leistung!
    Ich verneige mich tief!

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